Natron und chronische Entzündungen – Alle Vor- und Nachteile

Natron und chronische Entzündungen - Alle Vor- und Nachteile

Zuletzt aktualisiert am 15. Oktober 2018 um 23:03

In der Alternativmedizin spielt Natron eine große Rolle und hat dort eine große Anhängerschaft. Eine im April erschienene Studie über den Zusammenhang von Natron und Autoimmunerkrankungen hat dem Ganzen einen großen Aufschub gegeben. Aber was steckt wirklich dahinter? Was ist die Wahrheit hinter Natron bei metabolischen Problemen und bei Autoimmunerkrankungen? Kann man mit Natron chronische Entzündungen senken? Das erfahren Sie hier!

Die Chemie hinter Natron

Absolute Grundlage für die Wirkungen von Natron ist ein klein wenig Chemie: Die chemische Formel für Natron lautet NaHCO3, Natriumhydrogencarbonat. In Wasser löst sich Natrium vom Hydrogencarbonat. Hydrogencarbonat ist eine Base und reagiert mit Säuren. Dabei entsteht CO2, die Säuren werden neutralisiert.

Das ist Chemie für Anfänger und ein Grund, warum Natron gerne als Backtriebmittel oder Backpulver verwendet wird: Beim Backen entsteht CO2, der Teig wird dadurch luftiger.

Natron ist ein beliebtes Hausmittel und sehr effektiv im häuslichen Gebrauch, um chemische Putzmittel zu ersetzen. So eignet sich Natron zum Beispiel, um Deo selbst herzustellen (mit ätherischen Ölen), als Putzmittel, Shampoo und als Basis für Hautcremes.

Sie ahnen, worauf die (vorgeschlagenen) Wirkungen von Natron hinsichtlich Gesundheit abzielen: Natron ist basisch, Ihr Körper tendenziell „übersäuert“ – bei einer ungesunden Ernährung und Lebensführung oder bei chronischen Erkrankungen zumindest. Natron neutralisiert die Säuren, alles wird gut.

Um die Säure-Base-Theorie soll es heute nicht gehen, sondern um Logik und um wissenschaftliche Studien, die die vorgeschlagenen Wirkungen von Natron belegen oder widerlegen:

Natron und Autoimmunerkrankungen – die Vorteile

Beginnen wir mit den Vorteilen, wie sich Natron positiv auf den Körper, besonders bei chronischen Entzündungen und bei Autoimmunerkrankungen, auswirken kann:

1. Entsäuerung des Magens

Ein übersäuerter Magen kann ein Problem für die Gesundheit sein, da er sowohl Lebensqualität und Nahrungsverdauung sabotieren sowie Sodbrennen und Gastritis begünstigen kann. In den Beiträgen über Gastritis und Reizmagen erfahren Sie, was Sie alles dagegen tun können. Eine einfache Möglichkeit wäre, Natron einzunehmen und so überschüssige Magensäure zu neutralisieren.

Das ist in Ordnung, aber nur bei einem wirklich übersäuerten Magen notwendig.

2. Beseitigt metabolische Azidosen

Mit Azidose ist gemeint, dass der pH-Wert des Blutes gefährlich sinkt, was lebensgefährlich sein kann. Metabolische Azidosen treten bei Diabetes Typ 1, bei einer wirklich grauenvollen Ernährung oder bei anderen Krankheitssituationen (z. B. Nierenprobleme) auf. In einem normalen, halbwegs gesunden Körper treten metabolische Azidosen nicht auf. Auch die Säure-Base-Theorie hat hier ihre Grenzen.

Trotzdem: Bei metabolischen Azidose ist das Risiko für Nierenversagen und Osteoporose stark erhöht. Hier weisen Studien darauf hin, dass oral zugeführtes Natron entgegenwirken kann. Denn wenn die Salzsäure im Magen neutralisiert ist, wird aus dem Blut wieder neue Säure in den Magen gepumpt. Der pH-Wert des Blutes steigt, wird basischer, was besonders Niere und Knochen freut3-4.

3. Erhöht pH-Wert des Blutes

Kurzzeitig, wenn einmalig eingenommen, steigt der pH-Wert des Blutes nach Aufnahme von Natron. Jedoch bitte nicht zu viel Natron nehmen, maximal 2 TL auf einmal. Denn auch eine Alkalose des Blutes (zu basisch) kann lebensgefährlich sein!

Sportler profitieren davon, wenn sie vor dem Sport Natron zu sich nehmen, da das Blut mehr Laktat (Milchsäure) abpuffern kann1. Eine höhere Leistung ist möglich, ebenso ein höherer Energieverbrauch.

4. Senkt Entzündungen und überaktive Immunzellen

Hier kommt ein entscheidender Punkt und das, was die eingangs erwähnte Studie2 ergeben hat: Reagiert die Magensäure mit Natron, wird über den Vagusnerv (der größte Nerv im Körper) die Milz darüber benachrichtigt. Die Milz wiederum reagiert darauf, indem sie weniger entzündungsfördernde M1-Makrophagen (Immunzellen), dafür mehr entzündungshemmende M2-Makrophagen produziert.

Das kann so weit gehen, dass Autoimmunreaktionen reduziert oder gar gestoppt werden könnten. Könnten, wohl gemerkt. Im Menschen fehlen bislang noch Studien, aber diese entzündungshemmende Reaktion könnte wertvoll sein.

5. Natron gegen Krebs

In einzelnen Fällen wird behauptet, dass regelmäßige Einnahme von Natron Krebs heilen könne. Hier fehlen wissenschaftliche Belege, alles was wir wissen, sind Einzelfälle. Theoretisch brauchen Krebszellen ein saures Milieu, um am besten wachsen zu können – theoretisch und hier auch nicht alle Krebsarten. Jede Krebsart ist genau genommen einzigartig.

Den Körper basischer zu machen, könnte das Wachstum des Krebs theoretisch hemmen. Es kann passieren, dass der Körper in eine gefährliche Alkalose gerät. Hierzu möchten wir daher keine Aussage machen und keine Stellung beziehen – Nur zu Autoimmunerkrankungen und chronischen Entzündungen.

Gut, das sind erste gute Hinweise, die sagen könnten, wie Natron bei Autoimmunerkrankungen wirken kann. Aber wir wollen auch die Nachteile abwägen:

Natron und Autoimmunerkrankungen – die Nachteile

Ein paar wirklich gute Argumente für Natron sind auf der Plus-Seite zu verbuchen. Kommen wir nun zu den Nachteilen, die auftreten können:

PH-Wert des Magens steigt

Wer keinen wirklich übersäuert Magen hat, aber Natron regelmäßig einnimmt, der geht ein Risiko ein. Ein Risiko, dass der pH-Wert des Magens zu sehr steigt. Es ist aber absolut notwendig, dass der pH-Wert im Magen sauer ist, da der Magensaft nun einmal die Aufgabe hat, Krankheitserreger abzutöten und das Essen vorzuverdauen (s. Gastritis). Wenn das nicht geschieht, ist das schlecht:

Schlechte Eiweißverdauung

Damit der Körper Eiweiß gut verdauen und aufnehmen kann, muss es im Magen mit Säure in Kontakt kommen. Dann faltet sich die 3D-Struktur der Proteine auf und die Proteine können im Dünndarm leichter abgebaut werden. Ist der Magen nicht sauer genug, leidet die Eiweißverdauung darunter, was nicht nur das Risiko für opportunistische Darminfektionen erhöht, sondern auch für Allergien und Leaky Gut Syndrom.

Darminfekte

Magensäure muss Krankheitserreger aus der Nahrung zuverlässig abtöten können. Wenn das nicht geschieht, besteht ein höheres Risiko für Darminfekte – besonders bei belastetem Essen ist der Körper anfälliger.

Schlechtere Ammoniakausscheidung

Der pH-Wert des Darms sollte – ausgehend vom Zwölffingerdarm Richtung Dickdarm – immer saurer werden. Das ist wichtig, damit Ammoniak, ein Abfallprodukt aus dem Proteinstoffwechsel, an den Stuhl abgegeben werden kann, um es auszuscheiden. Deswegen riechen Stuhl und Flatulenz auch so streng nach Kuhstall. Bei zu viel Natron kann es passieren, dass der pH-Wert im Darm zu sehr steigt. Dann kann Ammoniak nicht mehr gut über den Darm ausgeschieden werden und die Niere muss nachhelfen. Was auf Dauer eine Belastung für die Niere sein kann.

So, was machen wir jetzt? Es gibt natürlich Vorteile und Nachteile von Natron bei Autoimmunerkrankungen und chronischen Entzündungen. Das fassen wir gleich zusammen und geben einen guten Ratschlag. Zunächst kommen wir aber noch kurz zu Sodbrennen:

Was ist mit Sodbrennen?

Für Sodbrennen gibt es zwei zentrale Auslöser:

1. Der Magen ist übersäuert. Dadurch ist der Magen gereizter und es kann passieren, dass durch einen falschen Würgreflex gelegentlich Magensäure in die Speiseröhre gelangt. Die Zellen dort mögen die Säure gar nicht, folglich entsteht der charakteristische Schmerz – und ein Risiko für Speiseröhrenkrebs.

2. Der Magen ist untersäuert. Sie haben richtig gelesen – untersäuert! Was dann passiert ist, dass deutlich mehr Bakterien im Magen überleben können. Normalerweise sind das nur eine Handvoll, jetzt mehr, weil der Magensaft nicht so sauer ist wie sonst. Diese Bakterien haben natürlich auch einen Stoffwechsel und vergären Nahrungsmittel, die in den Magen gelangen.

Die Bakterien scheiden Gase aus, diese Gase finden sich zu kleinen Bläschen zusammen, die nach oben aufsteigen und in stressigen Augenblicken oder hektischen Bewegungen wie Seifenblasen platzen. Das bedeutet, es spritzt etwas Magensäure, wenn auch nicht zu sauer, in die Speiseröhre. Auch das kann Sodbrennen auslösen.

Direkt von Sodbrennen auf einen übersäuerten Magen und auf Antazida (Magensäurehemmer) zu schließen, stimmt nicht immer. Das kann man sehr einfach herausfinden:

So testen Sie, ob Ihr Magen übersäuert ist

Dieser Test wirkt etwas befremdlich, ist jedoch eine sehr gute Hilfestellung:

  • Lösen Sie 2 Teelöffel Natron in 100 ml Wasser und trinken Sie das. Vor und nach dem Test sollten 2 Stunden Zeit bis zur nächsten Mahlzeit/Tee/Kaffee gelassen werden.
  • Normalerweise bildet sich nun in Ihrem Magen aufgrund der Säure-Base-Reaktion CO2, das als Rülpser wieder entweicht. Je schneller und je stärker diese Reaktion ist, desto saurer ist Ihr Magen. Wenn gar kein Aufstoßer kommt, ist Ihr Magen untersäuert. In beiden Fällen finden Sie in diesem Beitrag (Reizmagen) gute Hilfestellungen.

Besonders, wenn Sodbrennen und ein untersäuerter Magen zusammenkommen, sind viele Betroffene zuerst überrascht. Das kann jedoch auch passieren.

Kommen wir nun zu einem abschließenden Fazit und zu unseren Empfehlungen zu Natron:

Natron richtig nutzen – so geht‘s!

Natron hat Vorteile, aber auch Nachteile. Einige Vorteile sind wissenschaftlich belegt, andere stecken noch in den Kinderschuhen (wie Autoimmunerkrankungen). Es deutet sich an, dass Natron wichtig werden könnte bei der Behandlung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen.

Jedoch hat Natron auch Nachteile, auf die wir achten müssen. Unsere Empfehlungen möchten wir daher im Folgenden zusammenfassen:

  1. Testen Sie zuerst, ob Ihr Magen nicht doch untersäuert ist. Den Test finden Sie oben.
  2. Nehmen Sie Natron 1-3x täglich ein, die Dosierung müssen Sie selbst herausfinden. 0,5-2 TL Natron in einem Glas Wasser ist der grobe Richtwert.
  3. Beginnen Sie mit niedriger Dosierung (½ TL) und niedriger Frequenz (1x täglich) und tasten sich langsam nach oben. Beobachten Sie Ihren Körper dabei.
  4. Nehmen Sie Natron immer im Abstand von mindestens 2 Stunden zur nächsten oder zurückliegenden Mahlzeit ein. Andernfalls kann es passieren, dass Ihre Verdauung beeinträchtigt wird und gesundheitliche Konsequenzen drohen.
  5. Beobachten Sie Ihre Gesundheit und Selbstempfinden: Spüren Sie Unterschiede hinsichtlich Symptomatik Ihrer Autoimmunerkrankung/Entzündung? Dann teilen Sie uns dies bitte mit.
  6. Missachten Sie bitte niemals Ernährung, Stressreduktion, Lebensführung und gesunden Schlaf. Auch dies beeinflusst Entzündungen und Autoimmunerkrankungen maßgeblich. Hier auf dem Autoimmunportal finden Sie dazu wertvolle Informationen.

Fazit – Natron bei Autoimmunerkrankungen: Potenziell nützlich

Natron hat Vorteile und Nachteile zu bieten, einige sind logisch, andere sind bereits wissenschaftlich belegt. Grundsätzlich sollte Natron nur eingenommen werden, wenn der Magen nicht untersäuert ist.

Für die Einnahme von Natron gab es einige wichtige Punkte zu beachten, unter anderem, genug Zeit bis zur nächsten Mahlzeit zu lassen und es nur einzunehmen, wenn Ihr Magen NICHT untersäuert ist.

Ob Natron bei Krebs wirkungsvoll ist, können wir nicht einschätzen. Bei Autoimmunerkrankungen ist es potenziell sehr nützlich, sollte jedoch nicht die Verdauung sabotieren.

In jedem Fall bitten wir Sie, uns von Ihren Erfahrungen mitzuteilen und bei Selbstexperimenten Ihren Arzt oder Therapeuten zu konsultieren.

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Quellenverzeichnis
  1. Krustrup, Peter; Ermidis, Georgios; Mohr, Magni (2015): Sodium bicarbonate intake improves high-intensity intermittent exercise performance in trained young men. In: Journal of the International Society of Sports Nutrition 12, S. 25. DOI: 10.1186/s12970-015-0087-6.
  2. Ray, Sarah C.; Baban, Babak; Tucker, Matthew A.; Seaton, Alec J.; Chang, Kyu Chul; Mannon, Elinor C. et al. (2018): Oral NaHCO<sub>3</sub> Activates a Splenic Anti-Inflammatory Pathway: Evidence That Cholinergic Signals Are Transmitted via Mesothelial Cells. In: The Journal of Immunology. DOI: 10.4049/jimmunol.1701605.
  3. Zhang, Bin; Liang, Long; Chen, Wenbo; Liang, Changhong; Zhang, Shuixing (2015): The efficacy of sodium bicarbonate in preventing contrast-induced nephropathy in patients with pre-existing renal insufficiency: a meta-analysis. In: BMJ open 5 (3), e006989. DOI: 10.1136/bmjopen-2014-006989.
  4. Jehle, Sigrid; Zanetti, Antonella; Muser, Jurgen; Hulter, Henry N.; Krapf, Reto (2006): Partial neutralization of the acidogenic Western diet with potassium citrate increases bone mass in postmenopausal women with osteopenia. In: Journal of the American Society of Nephrology : JASN 17 (11), S. 3213–3222. DOI: 10.1681/ASN.2006030233.
  5. Gambino, Alessio; Broccoletti, Roberto; Cafaro, Adriana; Cabras, Marco; Carcieri, Paola; Arduino, Paolo G. (2017): Impact of a sodium carbonate spray combined with professional oral hygiene procedures in patients with Sjogren’s syndrome: an explorative study. In: Gerodontology 34 (2), S. 208–214. DOI: 10.1111/ger.12250.
  6. Hopper, Kate (2017): Is Bicarbonate Therapy Useful? In: The Veterinary clinics of North America. Small animal practice 47 (2), S. 343–349. DOI: 10.1016/j.cvsm.2016.09.005.

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